Freddie Brocksieper – Die Trommel und ihr Rhythmus


Freddie Brocksieper - Die Trommel und ihr Rhythmus

Leicht desinteressiert überfliege ich neulich bei Ex-Libris die Kiste mit den Billig-CDs. Da springt mich der Name «Freddie Brocksieper» an. Ich muss schmunzeln und nehme die CD in die Hand. Sie trägt den Titel «Die Trommel und ihr Rhythmus», auf dem Umschlag ein schwarzweisses Foto eines Schlagzeugers, vermutlich aus den vierziger Jahren. Die CD stammt aus der Reihe «Jazz Club».

Ich stutze. Jazz, vierziger Jahre und ein deutscher Titel gehen eigentlich nicht zusammen. Jazz war unter den Nazis verboten. Seit 1935 durfte Jazz im «Reichsrundfunk» nicht mehr gespielt werden. Sind das etwa deutsche Jazz-Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus? Ein Blick ins CD-Heftchen bestätigt die Vermutung. Die Titel wurden alle 1942 und 1943 Berlin von der Schallplattenfirma Brunswick aufgenommen. Freddie Brocksieper war ein Schlagzeuger und Bandleader. Weitere Informationen sind leider nicht vorhanden. Natürlich kaufe ich diese seltsame CD.

Bei den Aufnahmen handelt es sich um jazzige Tanzmusik ohne Gesang. Toll sind vor allem die Namen der Songs: «Kosende Hände», «Verrückte Beine» oder «Peinlich». Apropos peinlich: peinlich ist, dass Universal, die Herausgeberin der CD, dem CD-Käufer keinerlei Hintergrundinformationen liefert. Und dies gerade bei einer solch historisch wichtigen und interessanten Wiederveröffentlichung. Zudem wären ausführliche und sorgfältige Hintergrundinformationen der Vorteil einer CD gegenüber eines Downloads. Die CD wird übrigens auch als teurer Download auf Jazzecho angeboten.

Eine kurze Internet-Recherche war nicht besonders ergiebig. Erwähnenswert sind ein kleiner Eintrag bei Wikipedia und ein kurzer Artikel bei BR-Online. Und Bear-Family gab ein paar CDs von Freddie Brocksieper heraus. Anscheinend gehörte Freddie Brocksiepers – laut Wikipedia der Sohn einer jüdischen Mutter – zu den offiziell geduldeten Jazz-Musikern der Nazi-Zeit. Näheres ist leider auf die Schnelle nicht zu erfahren. Weiss jemand mehr? Auch wenn viele Fragen offen bleiben, eines ist gewiss: es lohnt sich ab und einen Blick in die Kiste mit den billigen CDs zu werfen.

Nachtrag:

Weiterer interessanter Link zum Thema «Jazz und Nationalsozialismus»: Jazz 1919 – 1945.
Bei der Recherche stiess ich bei Amazon auf ein Buch, in dem Freddie Brocksieper mehrere Male erwähnt wird: Different Drummers. Jazz in the Culture of Nazi Germany von Michael H. Kater.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s