Gitte Haenning – von Schlager bis Jazz


Gitte Haenning Cover

Vor ein paar Wochen, spät am Abend beim Zappen, bleibe ich auf einem dritten Programm bei «Ich will alles – Die Gitte Haenning Story» hängen. Eine umwerfende, unglaubliche Geschichte. Eine Geschichte, die in Skandinavien, Deutschland, Italien spielt. Die Geschichte eines Mädchens, das in Dänemark zusammen mit dem Vater auftritt, ein Kinderstar wird und als Teenager bereits Multimillionärin ist.

Der Bruch mit dem Vater, der riesige Erfolg in Deutschland, der ihr noch mehr Geld und noch mehr Ruhm brachte. Erfolgreiche Duette mit Rex Gildo, immer wieder Schauspielerei in deutschen und skandinavischen Filmen, Musical-Auftritte. Eigene TV-Shows. Eine unglaubliche Vielseitigkeit. Aber sie musste sich den Regeln der deutschen Schlagerindustrie unterordnen. Also auf keinen Fall zu Anspruchsvolles produzieren und das Image der harmlosen Göre pflegen.

Köstlich ist der Versuch der Plattenfirma, dem Publikum Gitte und den schwulen Rex Gildo als Traumpaar zu verkaufen. Spannend auch anhand zeitgenössischer Filmaufnahmen zu sehen, wie frisch Gitte im Nachkriegs-Deutschland wirkte. Ihr Hit «Ich will ‘nen Cowboy als Mann» sorgte sogar für einen kleinen Skandal: Eine bayrische Bahnbeamten-Vereinigung protestierte dagegen, dass sich Gitte im Song über Bahnbeamte lustig macht.

Neben dem Schlager pflegt sie ihre Liebe zum Jazz, Gitte ist eine ausgezeichnet Jazz-Sängerin. Kopenhagens Jazz-Szene war in den sechziger Jahre sehr lebendig, viele US-Amerikaner spielten in den Clubs. Einer ihrer Förderer war der Bassist Oscar Pettiford, der leider bei einem Fahrradunfall in Kopenhagen ums Leben kam. Ein weiterer Bassist spielte in Gittes Leben ein wichtige Rolle: Niels-Henning Ørsted Pedersen war mehrere Jahre ihr Lebenspartner.

Immer mehr befreit sich Gitte aus der engen Schlagerwelt, macht Aufnahmen mit Big Bands, probiert Neues aus, nimmt die Karriere selber in die Hand und hat in den achtziger Jahren grossen Erfolg mit intelligenten, aber dennoch eingängigen und zeitgemäss klingenden Songs. Gitte produziert immer noch CDs und steht regelmässig auf der Bühne. Entweder solo oder zusammen mit Wencke Myhre und Siw Malmkvist.

«Ich will alles – Die Gitte Haenning Story» ist ein wunderbarer Musik-Dokumentarfilm, der offensichtlich in enger Zusammenarbeit mit Gitte entstand. Trotzdem ist es ein ehrlicher Film, kein blosses Fan-Projekt. Er vermittelt einem einen guten Einblick in die schillernde Persönlichkeit von Gitte und klammert kritische Töne nicht aus. Zu Wort kommen unter anderem Freunde, Verwandte und Mitmusiker. Sehenswert sind die vielen Archivaufnahmen, die bis zurück an den Anfang ihrer Karriere reichen. Der Film ist erhältlich auf Amazon.

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