Weshalb man wissen sollte, dass Alvin Stardust früher Shane Fenton war – und was George Martin und die Beatles damit zu tun haben

Shane Fenton mit The Fentones

Shane Fenton mit seiner Begleitband The Fentones

Schon möglich, dass einem keine bewundernden Blick zufliegen, wenn man mal in einer Runde nebenbei einwirft, dass Alvin Stardust früher den Künstlernamen Shane Fenton trug und richtig Bernard William Jewry heisst. Wer jedoch ein wenig an der Geschichte der britischen Popmusik interessiert ist, sollte sich kurz mit Shane Fenton beschäftigen.

Shane Fenton spielte am Anfang der 60er-Jahre ein paar Songs für EMI Parlophone ein unter der Leitung des Beatles-Produzenten George Martin. Einige der Songs entstanden in den Abbey Road Studios. Die Musik von Shane Fenton und seiner Begleitband The Fentones war hauptsächlich rückwärts gerichtet, Richtung 50er-Jahre. Eine Mischung aus Rock ‘n’ Roll, Pop-Balladen und Rockabilly mit deutlichen Einflüssen von Buddy Holly und Eddie Cochran.

Nicht so originell wie die Beatles

Vom Stil und Repertoire her ist Shane Fenton mit Cliff Richard vergleichbar. Die Parallelen sind unüberhörbar, denn Fentons Begleitband The Fentones orientierten sich an Richards Begleitband The Shadows. Heraus sticht It’s All Over Now (1962) [Audio-Link], das mit einem einem starken Gitarrenriff fesselt und bis auf den Refrain moderner und rockiger klingt als das restliche Material. Es ist unschwer herauszuhören, dass die Fenton-Songs gleich produziert und aufgenommen wurden wie die frühen Beatles-Songs.

Hörenswert sind die Songs, da sie für eine Übergangsära stehen. Es war die Zeit, als die Beatles und Rolling Stones noch auf ihren Durchbruch warteten. Bald sollten sich die britischen Musiker von ihren US-amerikanischen Vorbildern emanzipieren. Die Musik von Fenton schwankt zwischen blossem Kopieren amerikanischer Vorbilder und eigenwilligeren, britischen Ansätzen, die dann von den Beatles origineller umgesetzt wurden.

Shane Fenton verschwand nach 1964 hinter die Kulissen des Musikgeschäfts. Er tauchte Anfang der 70er-Jahre als Alvin Stardust wieder auf und hatte einige Hits als Glam-Rocker. Die Songs von Shane Fenton und The Fentones sind auf iTunes erhältlich.

Shane Fenton singt «Somebody Else Not Me» im Film It’s All Happenning (1963).

GDR Beat Revolution

Amiga Cocktail, 1964 Berlin Friedrichstadtpalast

 In the nineteen-sixties the GDR regime tried in vain to keep the East Germans away from western “beat” music. The Berlin Wall separated Germany, families, friends and lovers – but the so called “anti-fashist wall of protection” (“antifaschistischer Schutzwall”) couldn’t prevent that teenagers and young adults in the GDR listened to “decadent” popular music from the west. Many musicians in the GDR started playing rock music, or how it was called back then “beat” music.

In November 1964, when the Berlin Wall was just three years old, the show “Amiga Cocktail” took place at the “Friedrichstadtpalast” in Berlin. “Amiga” was a state owned record company. The show was broadcast live on television and radio. There were many young people in the audience.

Besides stars who appealed to an older audience, also “beat” bands from the GDR such as the Sputnicks, the Amigos and the Franke Echo Quintett were scheduled. When the Franke Echo Quintett performed, the crowd went wild. It wanted more of the instrumentals in the style of The Ventures, Duane Eddy and The Shadows. The audience wouldn’t let the Franke Echo Quintett go, it applauded frenetically.

The host, a small and portly guy, is visibly annoyed. He tries in vain to stop the cheering. The enthusiasm in the hall swells even more, and the scenery gets a revolutionary touch. Unerringly the host announces the singer Vanna Olivieri. She enters the stage smiling and as soon as she opens her mouth the audience starts booing. Without batting an eye she keeps on singing in front of the booing audience.

Note

This article is based on a partial broadcast of “Amiga Cocktail” as part of a nostalgia show on MDR television (Germany) in late summer 2008. The host of “Amiga Cocktail” probably was the actor Heinz Quermann. The Franke Echo Quintett is still performing under the name Echo Franke Berlin.

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DDR Beat Revolution

Amiga Cocktail, 1964 Berlin Friedrichstadtpalast
Amiga Cocktail, 1964 Berlin Friedrichstadtpalast. Quelle: http://www.franke-echo.de

Das DDR-Regime versuchte mit der Berliner Mauer vergeblich, die DDR-Bevölkerung von der westlichen «Beat»-Musik fernzuhalten. Zwar trennte sie Deutschland, Familien, Freunde und Verliebte. Aber der angebliche «antifaschistische Schutzwall» schaffte es nicht, der ungestümen Kraft der US-amerikanische geprägten Musik standzuhalten.

Im November 1964, die Berliner Mauer  war gerade drei Jahre alt geworden, fand im Berliner Friedrichstadtpalast der «Amiga Cocktail» statt, eine Musik-Revue der staatlichen Plattenfirma Amiga. Die Revue wurde live im Fernsehen und Radio übertragen. Im Publikum waren viele Jugendliche und junge Erwachsene.

Neben Schlagerstars treten auch «Beat»-Bands aus der DDR wie die Sputnicks, die Amigos und das Franke Echo Quintett auf.  Beim Auftritt des Franke Echo Quintetts erreicht die Stimmung im Saal ihren Höhepunkt. Die instrumentalen «Beat»-Stücke im Stil von The Ventures, Duane Eddy und The Shadows reissen das Publikum mit –  es will die Band nicht mehr von der Bühne lassen und fordert sie mit endlosem Applaus zurück. Der behäbige Moderator, der in seiner Nachkriegs-Beleibtheit an Heinz Erhardt erinnert, versucht verägert, den Applaus und das Gejohle zu unterbrechen. Vergeblich. Die Begeisterung schwillt noch mehr an, es schwebt ein Hauch von lebensfreudiger Revolution durch den Saal. Unbeirrt kündigt der Moderator die Schlagersängerin Vanna Olivieri an. Sie betritt lächelnd die Bühne und wird – kaum öffnet sie den Mund – ausgebuht. Stoisch, übertönt von einem ununterbrochener Buhruf-Teppich, singt sie ihr Lied.

Heute ist es schwer zu verstehen, was für eine Begeisterung die «Beat»-Musik auslösen konnte. Und zwar weltweit, nicht nur in der isolierten DDR. Die heutige Pop-Musik ist endgültig domestiziert, und auch ehemals rebellische Stile wie der Punk lösen keine Irritationen geschweige denn irgendwelche Tumulte aus. aus

Anmerkungen:

Dieser Artikel stützt sich auf eine Aufzeichnung des «Amiga Cocktail», die im Spätsommer 2008 im MDR in einer Nostalgiesendung gezeigt wurde, deren Namen mir leider entfallen ist. Beim Moderator des «Amigo Cocktail» könnte es sich um Heinz Quermann handeln.  Das Franke Echo Quintett ist übrigens immer noch aktiv unter dem Namen Franke Echo Berlin.

Weiterführender Link: Der «Leipziger Beataufstand» im Oktober 1965